„Brückenbildende Gespräche“ im Bekanntenkreis, aus Sorge um Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt
Rund ein Drittel der Menschen in Deutschland hängt aktuell antidemokratischen und autoritären Strömungen an, in einigen Regionen sind es sogar noch mehr. Das macht es zunehmend schwierig, mit politischen Debatten, sachlicher Aufklärung, Demokratie-Kampagnen oder politischer Bildung gute Wirkung zu erzielen. Gleichzeitig beobachten wir, dass Misstrauen und Spaltung um sich greifen, Dialogmöglichkeiten schwinden, Bekanntschaftsbezüge zerbrechen, persönliches und Sozialvertrauen gehen verloren – oft auch in Familien und Freund*innenkreisen. Dies verstärkt die soziale Fragmentierung und führt zu Vereinsamung. Und es bedroht unsere freiheitliche und menschenrechtliche Grundordnung.
Wie kann es uns dennoch gelingen, dass wir bei allen Konflikten, Ressentiments und Polarisierung – und angesichts der eklatant ansteigenden sozialen Ungleichheit –in unseren Kommunen zu einem gemeinsamen bürgerschaftlichen Bewusstsein und Zusammenhalt finden? Hier hat ein Vorgehen, das keine Megaphone und Kameras braucht – und das sich jenseits aller (sozialen) Medien und Internetportale entfaltet, gute Aussichten: das zwischenmenschliche Gespräch im Bekanntenkreis.
Dieser Dialog im sozialen Umfeld kann klug und menschlich besonnen geführt werden. Gleichzeitig von Vielen, innerhalb der Kommune; in spontan hergestellten informellen Räumen, bilateral, nicht-öffentlich – z.B. in der Nachbarschaft, bei der Arbeit, in der Kirchengemeinde, in Vereinen & Verbänden, Gewerkschaften, (Volks)Hochschulen etc. Dabei verzichtet diese Form von Gespräch auf alles Überzeugen-Wollen. Denn es soll ausdrücklich kein Streitgespräch sein. Gemeint ist vielmehr ein menschliches Begreifen-Wollen der anderen – und ein persönliches Verständlichmachen der eigenen Sorgen um Demokratie, Freiheit und Zusammenhalt.
Dialogfähigkeit fördern
‚Brückenbildende Gespräche im unmittelbaren Bekanntenkreis‘ (BrüG) sollen systematisch angeregt, methodisch begleitet und im sozialen Nahfeld geführt werden. Hierbei wenden sich ‚demokratiebesorgte Menschen‘ – die als Mitglieder in Organisationen vor Ort erreicht und fortgebildet werden – individuell an ‚Demokratieskeptiker*innen‘ bzw. an Anhänger*innen von politischen Bewegungen und Parteien, deren Verfassungstreue und Menschenrechtlichkeit als fraglich gelten muss. Diese Mitbürger*innen finden sie in ihren sozialen Umfeldern und laden sie zu einem persönlichen Gespräch über gesellschaftliche Lebensfragen der Zeit und das eigene Befinden darin ein.
Es wird für diese BrüG-Gespräche bewusst zunächst der nicht-öffentliche, vorpolitische Raum aufgesucht, um die verloren gegangene Fähigkeit zum direkten Zweiergespräch über tiefe weltanschauliche Gräben hinweg überhaupt wieder neu aufzubauen. Erst danach kann man zu einer besonnenen Diskussion und kontroversen Auseinandersetzung gelangen – und sich für eine gemeinsame Sache in der Kommune einsetzen.
Damit die Dialog-Engagierten handlungssicher in BrüG-Gespräche gehen können, erhalten sie Vorbereitung und Coaching. Sie werden aus der Methodik der narratologischen, beziehungsdynamischen Kommunikation bezogen – sodass sich diese Gespräche nicht unnötig erhitzen oder zerbrechen. In Reflexionsrunden werden die Dialogerfahrungen gebündelt und können – z.B. durch eine Zukunftskonferenz – in konkretes Engagement vor Ort münden.
Wenn zahlreiche Menschen einer Kommune diese BrüG-Gespräche führen, jeweils verankert in Vereinen & Verbänden, Wirtschaft & Gewerkschaften, Sport, (Volks)Hochschulen, Kirchen, politischen Parteien u.a., … wenn diese Gespräche vorwiegend narrativ geführt werden und sich dynamisch weiter verzweigen, … wenn sie methodisch begleitet werden und versierte Beratung gegeben ist, … wenn die lokalen Mitgliederorganisationen die BrüG-Initiative letztlich übernehmen und eine eigenständige Dialog-Infrastruktur einrichten, weil sie den Mehrwert für die eigenen Belange erkennen und Verantwortung für den Sozialraum und Wirtschaftsstandort übernehmen wollen, … wenn sie sich hierfür als lokale Stakeholder begreifen und mit anderen, ebenfalls engagierten Organisationen BrüG-Allianzen bilden, … wenn es auf diese Weise in einer Kommune zu einer weitreichenden Zunahme der Dialogfähigkeit kommt, … dann gewinnt unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft an Vitalität. – Und sie vermag den mächtigen autoritären Betreibungen in den Regionen und weltweit besser standzuhalten.
Somit kann durch eine BrüG-Initiative ein neuer, transferfähiger Modus der aufsuchenden zivilgesellschaftlichen Dialogbefähigung und des bürgerschaftlichen Engagements geschaffen werden, der eine zukunftsfähige demokratische Alltagskultur begründet.
Im Ergebnis eines BrüG-Pilotprojekts entstehen:
- ein BrüG-Kernteam in einer angesehenen kommunalen oder zivilgesellschaftlichen Einrichtung vor Ort
- die transferfähige BrüG-Gesprächsmethodik für aufsuchenden bürgerschaftlichen Dialog und Engagement
- ein BrüG-Advocacy-Verfahren zur effektiven Ansprache von großen Mitgliederorganisationen in der Region, am Ort bzw. im Bundesland
- Kooperationen mit drei lokalen Organisationen aus den Bereichen [i] Vereine/ örtliche Netzwerke, [ii] Sport, [iii] kirchlich-religiöse Einrichtungen, [iv] Handwerks-/Handelskammern, [v] Gewerkschaften, [vi] Hochschulen/ Volkshochschulen, [vii] politische Parteien, [viii] Stiftungen
- eine Kurz-Fortbildung in BrüG-Gesprächsmethodik für Ankerpersonen in den Mitgliederorganisation
- ein umfassenderes BrüG-Training für interne BrüG-AGs innerhalb der Organisationen
- ein Verfahren in Praxisbegleitung & Coaching für die aktiven BrüG-Engagierten (Intervision, Stärkung der Dialogfähigkeit, Qualitätssicherung)
- eine Sammlung von thematischen Optionen & dialogischen Verlaufswege für BrüG-Gespräche
- eine transferfähige methodische Handreichung für BrüG-Gesprächsführung sowie für die regionale BrüG-Netzwerkbildung
- hierauf aufbauend: lokale Fokusgruppen ‚Zukunft & Zusammenhalt‘, um örtliche Bedarfen und Ressourcen zu ermitteln. Sie bereiten eine Zukunftskonferenz und Engagement-AGs vor, in denen beide Gruppen – Demokratie-Besorgte & -Skeptiker*innen (!) – zusammen beteiligt sind
- letztlich ein Advocacy-Konzept zur eigenständigen Fortführung/Verstetigung der BrüG-Initiative in der jeweiligen Organisation und Kommune.
Insgesamt wird eine innovative Methodik der kommunalen Gesprächsbildung und Demokratieförderung erbracht, die aufsuchend-partizipativ auf Augenhöhe verfährt – und im dialogischen Peer-Modus vor Ort im Gemeinwesen zum Tragen kommt. Politische Erfahrungs- und Begegnungsräume off- und online sind relevant; sowohl Erwachsene als auch Jugendliche werden einbezogen; Berührungspunkte mit Bildungspolitik und der Arbeit der Schulen werden gesucht.
Projektinformationen
BrüG ist ein Konzeptentwurf vor der Erprobung. Derzeit erfolgt die Beantragung von Fördermitteln.
Ansprechpartner
Dr. Harald Weilnböck
weilnboeck@cultures-interactive.de