Demokratie und demokratisches Handeln müssen von jeder Generation „neu erlernt und eingeübt werden“, so der 16. Kinder- und Jugendbericht 2020. Demokratiebildung befähigt Kinder und Jugendliche deshalb dazu, ihre eigene Stimme zu finden und im Dialog auf andere zuzugehen, für eigene Interessen und Überzeugungen einzutreten und sich in demokratische Strukturen einzubringen. Ferner lernen sie, andere Perspektiven und Erfahrungshintergründe kennenzulernen und wertzuschätzen, Konflikte konstruktiv auszutragen und Kompromisse zu erarbeiten. An den Orten, an denen Kinder und Jugendliche zusammenkommen – beispielsweise in der Kommune, der Schule, im Jugendclub, im Sportverein, in der Musik- oder Theatergruppe – sollten sie daher auch die grundlegenden Werte von Menschenwürde, Gleichberechtigung und aktiver Teilhabe bei Entscheidungsprozessen unmittelbar erfahren können.
Die Jugend(sozial)arbeit und angrenzende Bereiche wie die kulturelle Bildung oder Sportvereine bieten demnach große Potenziale für die aufsuchende Demokratiebildung. Nach langjähriger Arbeitserfahrung vor allem in den ländlichen Gebieten Ostdeutschlands haben wir 2019 praxisnahe Empfehlungen dafür in der Broschüre Darauf kommt es an! zusammengefasst.
Bei cultures interactive haben wir früh die Erfahrung gemacht, dass wir nur dann mit Jugendlichen ernsthaft und wirksam zu demokratischen Haltungen arbeiten können, wenn wir sie mit adäquaten (Beziehungs)Angeboten in ihrer Lebenswelt abholen. Dazu nutzen wir vor allem eine menschenrechtsorientierte Jugendkulturarbeit und das Format der Narrativen Gesprächsgruppen. Hierbei wird deutlich, dass Jugendliche aus allen sozialen Milieus sich für gesellschaftliche und politische Themen interessieren und bereit sind, sich für die Demokratie zu engagieren, wenn sie mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen ernst genommen werden.
Demokratie erfahrbar machen: aufsuchende Ansätze in der Lebenswelt von Jugendlichen
Jugendliche sind über Rap und TikTok meist viel besser zu erreichen als über klassische Formate politischer Bildung, die meist zuerst Wissen vermitteln und Austausch und Diskussion in der Regel erst im Anschluss ermöglichen. Unsere aufsuchende Demokratiebildung mit Jugendlichen in Schulen oder Jugendeinrichtungen dreht dieses Prinzip um: Ausgangspunkt sind die jugendkulturellen und lebensweltlichen Interessen der Jugendlichen selbst. Sie wählen unter verschiedenen jugendkulturellen Workshopangeboten und bringen in moderierten Gruppendiskussionen ihre eigenen Themen, Erfahrungen mit (Sozialen) Medien und ihre politischen Meinungen ein. Auch die Praxisanteile der Workshops von cultures interactive wirken demokratiebildend: In ihnen wird gemeinsam abgestimmt, wer welche Rolle übernimmt, welches Bild an der Graffitiwand entstehen soll, wie Jugendliche sich auf dem Skateplatz gegenseitig unterstützen können oder wie sie sich in einem YouTube-Video darstellen möchten. Perspektivwechsel, gemeinsame Reflexion und Kompromissfindung verbleiben somit nicht in der Theorie, sondern werden zur gelebten Praxis.
Gerade Jugendliche, die sich als abgehängt wahrnehmen oder die bereits demokratiefeindlich eingestellt sind, sind auf dem klassischen Weg nur schwer zu erreichen. Das gilt auch für Jugendliche, die Mühe mit dem Lesen oder Schreiben haben oder nicht so sicher in der deutschen Sprache sind. Mit diesen ins Gespräch zu kommen, ist eines unserer Hauptanliegen. Jugendkulturell orientierte Demokratiebildung bietet dabei den niedrigschwelligen Zugang, um bei Jugendlichen das Interesse zu wecken, sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen und über beispielsweise über Manipulation und Propaganda, über Soziale Medien sowie die Verzerrung von Wirklichkeit durch Künstliche Intelligenz zu reflektieren. So werden Perspektivwechsel und die Entwicklung von Ambiguitätstoleranz möglich. All dies braucht es, um das eigene Leben und Umfeld auf demokratische Weise mitzugestalten.
Dialogfähigkeit stärken
In Narrativen Gesprächsgruppen stärken wir die Erfahrung, dass Demokratie auch bedeutet, über möglichst alles offen miteinander reden zu können, in den eigenen Worten, jedoch möglichst ohne andere zu verletzen oder abzuwerten. Diese Art eines moderierten Gesprächs zu erleben, fördert nicht nur oben genannten demokratischen Kompetenzen, sondern wirkt im Sinne einer „emotionalen politischen Bildung“, die die Gruppenteilnehmer*innen in ihren persönlichen und politischen (Missachtungs)Erfahrungen sehr ernst nimmt und mit ihnen und weiteren Ankerpersonen aus dem Umfeld Lösungen erarbeitet. Denn Empathie als wichtige Grundlage einer Demokratie, die sozial und menschlich sein möchte, kann nur entstehen, wenn sie selbst erlebt wird.
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